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‘Rent’ im Autokino

Th. für Niedersachsen, Hildesheim

von Heinz-Jürgen Rickert

Rent in Hildesheim (© T.Behind Photographics)

“Theater ist lebenswichtig und kein Luxusartikel”, betonte Fritz Rotter am 30. Dezember 1931 in einem Interview mit der BZ am Mittag. Der Wert und die Berechtigung von Kultur steht immer wieder in Frage. Damals befand sich die Weltwirtschaft im drastischen Krisenmodus, heute legt eine Pandemie global das öffentliche Leben lahm. Insofern ein prophetischer Blick auf die aktuelle Gegenwart, den der prominente Berliner Produzent und Betreiber der einstigen Rotter-Bühnen artikulierte. Im Hildesheimer Theater für Niedersachsen wollte Intendant Jörg Gade zum Abschied ein künstlerisches Feuerwerk entfachen und hatte dafür ein erlesenes Programm konzipiert. Corona machte einen jähen Strich durch die ambitionierte Rechnung. Immerhin bemühte sich das Haus rasch um ein Alternativprogramm, das die Not mit kreativer Tugend umschiffte. ‘Rent’ sollte die letzte große Produktion der MusicalCompany in dieser Spielzeit sein, fiel vor der Premiere dem Lockdown zum Opfer. Was live auf der Bühne untersagt blieb, durfte aber als konzertante Version im Autokino präsentiert werden. Eine gute Entscheidung, denn das Publikum freute sich über das derzeit so rare kulturelle Angebot und reagierte begeistert: statt tosendem Beifall blinkten die Lichthupen auf.

Rent in Hildesheim (© T.Behind Photographics)

‘Rent’ ist schwere Kost und bedient kaum den gängigen Geschmack der leichten Muse. Autor und Komponist Jonathan Larson ließ sich von Puccinis tragischer Oper ‘La Bohème’ inspirieren, verlegte den Plot von Paris in das New Yorker East Village und zeigt eine Gesellschaft in Angst und Auflösung. In einem lausigen Loft hausen die beiden mittellosen Künstler Mark und Roger. Sie stehen unter Druck. Das Gebäude soll geräumt werden, die Perspektiven sind flau, Roger hat zudem eine tödliche AIDS-Diagnose. Er liebt die drogenabhängige Mimi Marquez. Die Verbindung platzt jedoch. Sämtliche Beziehungen der Akteure stehen auf dem Prüfstand, zum Beispiel zwischen Maureen und Joanne. Angel hielt die Fäden irgendwie zusammen, doch die lebensfrohe, extrovertierte Drag Queen verliert den Kampf gegen seine AIDS-Erkrankung. Ein Virus auch hier, der ein mächtiges Durcheinandertal ausbreitet.

Rent in Hildesheim (© T.Behind Photographics)

Das gewagte Stück um Homosexualität und HIV entpuppte sich 1996 als völlig überraschender Erfolg. 5.123 Aufführungen bilanzierte die Uraufführungsserie am Broadway, später adaptierte der Film die Vorlage. Erstaunlicherweise konnte ‘Rent’ in Deutschland bisher nicht ähnlich positiv reüssieren. Vielleicht sind Erwartungen an das Genre hierzulande doch zu sehr vom Unterhaltungsanspruch geprägt. Die Weichen für deutlich mehr Zuspruch stehen indes gut: Die Übersetzung von Wolfgang Adenberg fängt den Spirit des Originals kongenial ein. Musikalisch fährt das Stück rockig auf, Larson gelangen ebenso emotional aufgeladene Balladen wie elektrisierende Phonbeben.

Rent in Hildesheim (© T.Behind Photographics)

In der Hildesheimer Produktion agierten die Darsteller live auf einem Podium ohne Bühnenbild. Ihre Aktionen übertrugen Kameras auf eine Großleinwand. Auf einer Seitenbühne spielte das Orchester unter Leitung von Andreas Unsicker. Die gesamte Akustik wurde über eine Frequenz in die Autoradios gesendet. Craig Simmons führte im arg reduzierten Rahmen klug Regie, Esther Bätschmann entwarf die Kostüme im Stil der 90er-Jahre. Die Dialoge wurden stark gekürzt, Mark fungiert dabei als eine Art Erzähler, der mit schnellen Sätzen den groben Handlungsstrang vermittelt. Schlussendlich mutierte ‘Rent’ dadurch zu einer rasanten Revue mit knappen Episoden. Wer die Story im Vorfeld nicht kannte, hatte gewiss Probleme mit dem roten Faden.

Rent in Hildesheim (© T.Behind Photographics)

Abseits dieser Enschränkung zeigte sich die Open-air-Fassung als Glücksgriff. Das lag vor allem an der hervorragend eingenordeten Band und einem Ensemble, das zur Höchstform auflief: Eine Parade von wahren Energiebündeln gab es zu bestaunen. Tod und Trauer, Abschiede, verzweifelte Aufbrüche platzierten sich neben lauthals offenbarten Hoffnungen, Überlebensstrategien und intensiven Rauschzuständen. Songs wie “Heute Nacht”, “La vie Bohème”, “Längst ist dieser Albtraum wieder frei”, “Wir leben in Amerika” oder Maureens Tango erwiesen sich als ganz großes Gefühlskino. Die MusicalCompany legte erneut ein famoses Zeugnis ihrer stupenden Leistungsfähigkeit ab, dieses Mal ragten Sandra Pangl (Mimi), Charlotte Katzer (Maureen), Johannes Osenberg (Mark), Nico Went (Angel) und Nicolo Soller (Roger) ganz besonders heraus. ‘Rent’ tritt in Hildesheim zugleich den Beweis an keineswegs nur ein Zeitstück zu sein.

 

Rent – Musik / Texte / Buch: Jonathan Larson; Originalkonzept und zusätzliche Texte: Billy Aronson; Deutsche Übersetzung: Wolfgang Adenberg; Regie: Craig Simmons; Ausstattung: Esther Bätschmann; Musikalische Leitung: Andreas Unsicker. Darsteller: Nicolo Soller (Roger Davis), Johannes Osenberg (Mark Cohen), Gerald Michel (Benjamin Coffin III), Elisabeth Köstner (Joanne Jefferson), Nico Went (Angel Schunard), Sandra Pangl (Mimi Marquez), Charlotte Katzer (Maureen Johnson), Lisa Maria Hörl (Eltern / Obdachlose), Jens Krause (Eltern / Obdachloser). Broadway-Premiere: 29.04.1996, Nederlander Theatre, New York. Deutschsprachige Erstaufführung: 25.02.1999, Capitol Theater, Düsseldorf. Premiere (konzertante Aufführung): 29.5.2020, Autokino “Drive In Events”, Hildesheim. www.tfn-online.de

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