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Didier C. Deutsch blickt zurück …

… auf 30 Jahre als Broadway-Korrespondent für »musicals«

Als ich vor 30 Jahren begann, für »musicals« zu schreiben, war Stephen Sondheim auf dem Höhepunkt seiner Popularität, das Ergebnis einer intensiven kreativen Karriere in den vorangegangenen Jahrzehnten, und Andrew Lloyd Webber, dessen ‘Phantom der Oper’ 15 Jahre zuvor uraufgeführt und bis dahin ein durchschlagender Erfolg war, war bereit, mit seinem nächsten Hit ‘Sunset Boulevard’ wieder zuzuschlagen, nachdem er einen herben Rückschlag erlitten hatte, als ‘Aspects Of Love’ am Broadway floppte.

Als Mitglied der ATCA, der American Theater Critics Association, hatte ich seit 1968 Aufführungsbesprechungen neuer Broadway-Musicals für eine breite Palette kleinerer Publikationen beigesteuert, von denen sich allerdings die meisten nur am Rande mit Musicals beschäftigten. Aber mit »musicals« (oder genauer gesagt »Das Musical«, wie die Zeitschrift damals noch hieß) kam ich zum ersten Mal mit einer seriösen, wenn auch ausländischen Zeitschrift in Kontakt, und Presseagenten, die anfangs noch zögerten, mir Pressekarten für die Musical-Premieren zuzuteilen, erkannten bald die Bedeutung und die zunehmende Verbreitung der Zeitschrift, die dem wachsenden Interesse am Musicaltheater in Europa entsprang.

Dieses Interesse fand natürlich auch ein Echo in der englischsprachigen Fachpresse in den Staaten und in England, wo man sich jedoch primär auf die alten Musical-Klassiker und die aktuellen Uraufführungen konzentrierte und ansonsten vielleicht noch Besprechungen von neuen Cast-Aufnahmen brachte. Aber »musicals« war das erste internationale Magazin von Bedeutung, das sich mit Musical-Aufführungen in Deutschland, Österreich, London und anderen Ländern beschäftigte – und natürlich auch das Geschehen am Broadway ausführlich berücksichtigte. Das war vor 30 Jahren …

Die aktuelle Corona-Pandemie hat die Saison 2019/2020 abrupt beendet, gerade als sie Ende Mai mit dem Stichtag für die Tony-Nominierungen ihrem Höhepunkt entgegensteuerte. Infolgedessen wurden viele neue Musicals bis auf Weiteres auf Eis gelegt: Eine Wiederbelebung von ‘Company’, das aus London importiert wurde; das bizarre ‘Flying Over Sunset’, in dem es um den Hollywood-Star Cary Grant, die Dramatikerin, Kongressabgeordnete und Botschafterin Clare Booth Luce sowie um Aldous Huxley (Autor von ‘Schöne neue Welt’) geht, die alle drei im Los Angeles der 1930er-Jahre auf LSD waren; ‘Six’, ebenfalls ein Transfer aus England, über die sechs Ehefrauen von Heinrich VIII. und ‘Mrs. Doubtfire’, eine mit Spannung erwartete musikalische Bühnenversion des Films von 1993, in dem Robin Williams die Hauptrolle gespielt hatte. Es bleibt zu hoffen, dass einige von ihnen den Lockdown überleben werden, der alle Broadway-Theater am 12. März zur Schließung zwang.

Normalerweise hätte ich zu all diesen Musical-Premieren nahezu im Wochenrhythmus neue Rezensionen für »musicals« geschrieben – was jetzt noch blieb war ein plötzlicher Mangel an Aktivitäten … Aber dann kam mir die Idee, doch vielleicht mal einen Rückblick auf all die Shows zu werfen, die ich seit meinem Eintritt in das »musicals«-Team gesehen hatte, und vielleicht auch mal meine früheren Meinungen zu überdenken. Die 1990er- bis 2010er-Jahre waren sehr aktive Jahre am Broadway, und als ich meine Archive durchsah, zählte ich nicht weniger als 387 Produktionen, die auf die Bühne kamen, darunter einige wenige epochale, wie ‘Der König der Löwen’ oder das Revival von ‘Chicago’, die beide bis zum Lockdown noch liefen, mehrere ausgezeichnete Produktionen, die einem bis heute noch im Gedächtnis haften geblieben sind und eine große Anzahl von Shows, die von einem spontanen Vergnügen bis hin zum regelrecht Peinlichen reichten.

Wohl wissend, dass meine Meinung nicht von allen geteilt wird, bin ich die ganze Liste durchgegangen, um herauszufinden, welche Shows bei mir die stärksten Eindrücke und länger anhaltende Erinnerungen hinterlassen haben. Dies war natürlich ein rein subjektives Unterfangen, aber eines, das ich letztendlich als aufschlussreich empfand. So erinnere ich mich zum Beispiel vage an ‘Miss Saigon’, das am 11. April 1991 am Broadway eröffnete und es immerhin auf 4.092 Vorstellungen brachte, aber ich muss zugeben, dass mich diese moderne Adaption von ‘Madame Butterfly’ nicht allzu sehr beeindruckt hat. Die eine Szene, die mir eine Weile im Gedächtnis blieb, war Jonathan Pryce als The Engineer, der “The American Dream” sang, Alain Boublil und Claude-Michel Schönbergs Antwort auf Benny Andersson und Björn Ulvaeus' “One night in Bangkok” in ‘Chess’.

Auch wenn ich die kreativen und handwerklichen Techniken bewunderte, die von der Disney-Organisation entwickelt wurden, um ihre Bühnenpräsentationen so zauberhaft wie ihre Filme aussehen zu lassen, hinterließ der Hit ‘Die Schöne und das Biest’ trotz 5.461 Aufführungen bei mir keinen starke Eindruck. Zugegebenermaßen war die Verwandlung der Bestie in einen verführerischen jungen Prinzen etwas, das nicht alle Musicals zu bieten hatten – es war wirklich magisch, aber es kam erst ganz am Ende des Abends und was davor geschah, hatte für mich nicht den gleichen Reiz.

Ich möchte eine Randbemerkung zu den Disney-Bühnenproduktionen machen, die die Broadway-Szene seit den 1990er-Jahren in großem Stil belebt haben und bis heute beleben – aber während einige wirklich wunderbar waren, hinterließen andere keinen nachhaltigen Eindruck.

‘The Lion King’, das am 13. November 1997 am Broadway eröffnete und immer noch vor vollem Haus spielt, ist das superperfekte Musical. Dank der Vision von Julie Taymor, die es inszenierte und die Kostüme entwarf, setzte es die Messlatte, an der sich alle anderen messen lassen mussten. Im Vergleich dazu ist es schwierig, ‘Tarzan’ zu bewundern, das am 10. Mai 2006 in New York uraufgeführt wurde und trotz seiner Partitur von Phil Collins, einem Garanten für musikalische Qualität, in seinem falsch aussehenden Bühnen-Dschungel einfach nicht zum Fliegen kam und deshalb nach nur 486 Vorstellungen wieder schließen musste. Oder ‘Frozen’, das kalt und einfallslos war: Es öffnete am 22. März 2018, erhielt gemischte Kritiken und wurde nach 825 Vorstellungen zum ersten Opfer der Corona-Krise erklärt, als es am 12. März 2020, dem Tag, an dem der Broadway dunkel wurde, endgültig abgesetzt wurde.

Ebenso fällt es mir schwer, mich an ‘Mary Poppins’ zu erinnern, das am 16. November 2006 an den Broadway transferiert wurde und 2.619 Vorstellungen erlebte. Weniger überzeugend als der gleichnamige Film, war jedoch für mich der größte Nachteil, dass die Darsteller, als sie fliegen sollten, für jeden Zuschauer deutlich sichtbar angeschnallt waren und an dünnen Seilen hingen. Vielleicht war das Ansporn für die Disney-Techniker, bei ‘Aladdin’, der seit seiner Entstehung am 20. März 2014 noch immer läuft, mit einer Fahrt auf einem fliegenden Teppich einen geradezu magischen Theatermoment zu schaffen, der so perfekt ausgeführt ist, dass das Publikum verblüfft ist und sich jeden Abend aufs Neue fragt, wie sie das denn gemacht haben.

Auch wenn es manchmal unfair sein mag, sind Vergleiche mit dem ursprünglichen Quellenmaterial unvermeidlich, insbesondere wenn die Bühnenversionen die Lieder und Geschichten der Originalfilme wiedergeben, wie es bei einigen der Disney-Shows der Fall war. Und selbst wenn eine Show zu einem Blockbuster wird, bedeutet das nicht unbedingt, dass sie im Vergleich zu anderen Produktionen, die beim Publikum vielleicht eine geringere Resonanz gefunden haben, wirklich unvergesslich ist. Was letztlich zählt, ist der Eindruck, den die Shows hinterlassen, manchmal Jahre später, nachdem der letzte Vorhang über ihnen gefallen ist. Von den 387 Produktionen, die ich in den letzten 30 Jahren gesehen habe, habe ich 32 gezählt, die sich bis heute lebhaft in mein Gedächtnis eingebrannt haben, darunter 13 Revivals, und einige, die vor allem dank großartiger Darsteller in Erinnerung geblieben sind. Sie sind nachstehend aufgeführt, und auch wenn Sie sich vielleicht bei der einen oder anderen Show fragen mögen, warum sie in diese Auswahl gekommen ist, so waren diese Produktionen für mich doch denkwürdig genug, um noch einmal erwähnt zu werden.

Die Stücke sind in chronologischer Reihenfolge aufgeführt und in drei Kategorien unterteilt:

- Unvergessliche Musicals:

- Unvergessliche Revivals:

- Unvergessliche Darbietungen:

 

UNVERGESSLICHE MUSICALS

City Of Angels (© Martha Swope)

City Of Angels  (1989)
Obwohl ‘City Of Angels’ schon im Dezember 1989 debütierte (und damit bevor ich zum Stab von »musicals« stieß), ist es ein Favorit geblieben, weil ich seine jazzige Partitur für eine der hellsten und durchweg unterhaltsamsten halte, die Cy Coleman je geschrieben hat. Diese im Los Angeles der 1940er Jahre angesiedelte Geschichte über Stine, einem Schriftsteller von Kriminalromanen und Filmdrehbüchern à la Marlowe, und dem von ihm geschaffenen Alter Ego, einem Privatdetektiv namens Stone, inspirierte den Songtexter David Zippel zu höchst amüsanten Songs, in denen Humor und Pathos nahtlos mit der von ‘M*A*S*H’-Autor Larry Gelbart erdachten Handlung verschmolzen (“The tennis song” mit seinen subtilen Anspielungen und nicht ganz so subtilen Doppeldeutigkeiten ist ein Juwel!).
Rezension in »musicals« Heft 22

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The Will Rogers Follies (© Martha Swope)

The Will Rogers Follies  (1991)
‘The Will Rogers Follies’, das am 1. Mai 1991 für 981 Vorstellungen an den Broadway kam, war ebenfalls ein brillantes Musical, wunderschön inszeniert und choreografiert von Tommy Tune. Die Show verband den selbstgesponnenen Humor von Will Rogers, einem berühmten Komiker aus den 1930er-Jahren, mit dem Glanz der Ziegfeld Follies, den bekannten Revuen, deren Star Rogers einst selbst war, und war eine großartige Darbietung theatralischer Kreativität vom Feinsten. In dem Buch von Peter Stone wird detailliert beschrieben, was Rogers, gespielt von Keith Carradine, zu einer so liebenswerten Persönlichkeit machte, während Cy Coleman, diesmal in Zusammenarbeit mit Betty Comden und Adolph Green, eine weitere großartige Reihe von Melodien lieferte, einige mit leichten Country&Western-Anklängen, andere mit dem Glamour der Follies. Die überschwängliche “Will-a-mania”-Nummer fasste alles zusammen, was die Show so aufregend machte.
Rezension in »musicals« Heft 30

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Rent (© Joan Marcus/Carol Rosegg)

Rent  (1996)
Mit der Art von roher Energie und Vitalität, die selbst zeitgenössischen Broadway-Musicals oftmals fehlt, war ‘Rent’ in seiner Theatralik genauso aufregend wie ‘Hair’ etwa 28 Jahre zuvor. Doch wo ‘Hair’ in seinem eigenen Zeitrahmen – den späten 1960er-Jahren und der Flower-Power-Generation, die sich gegen den Vietnamkrieg stellte – feststeckte, überzeugte ‘Rent’ mit seiner eigenen zeitlosen Universalität. Frei nach Giacomo Puccinis Oper ‘La Bohème’ von 1896 ging ‘Rent’ über das Ausgangsmaterial hinaus und verlieh ihm einen zeitgenössischen Anstrich. Nach seiner Eröffnung am 29. April 1996 erfreute sich das Musical großer Beliebtheit, blieb 12 Jahre im Nederlander Theatre und ging 5.123 Mal über die Bühne, ein sicheres Zeichen für seine große Anziehungskraft. Leider starb sein Schöpfer, Jonathan Larson, ein begabter Komponist und Dramatiker, an dem Tag, an dem die Off-Broadway-Produktion mit den Previews begann, was die Frage offenlässt, was er wohl als nächstes geschaffen hätte.
Rezension in »musicals« Heft 59

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The Lion King (© Joan Marcus)

The Lion King  (1997)
Von allen Bühnenmusicals, die ich in den letzten 30 Jahren gesehen habe, rangiert ‘Der König der Löwen’ weit über allen anderen. Seit seiner Uraufführung 1997 ist es mit einem Einspielergebnis von über anderthalb Milliarden US-Dollar die kommerziell erfolgreichste Show am Broadway, zieht jedes Jahr Hundertausende von Zuschauern an und übertrifft seine direkten Konkurrenten, ‘Das Phantom der Oper’ und ‘Wicked’. Der Erfolg ist wohlverdient. Entworfen und kostümiert Julie Taymor, einer Designerin, Masken- und Puppenmacherin und genialen Regisseurin, ist ‘König der Löwen’ zu einem der besten Musicals geworden, die der Broadway je gesehen hat. Es ist ein wunderbares Fest für die Sinne, in dem sich farbenfrohe Kleider und Verkleidungen, stimmungsvolle Kulissen und ein wunderbarer Sinn für das Theaterspiel zu einer Show verbinden, die Kinder und Erwachsene gleichermaßen begeistert. Es wird garantiert wiedereröffnet, wenn die Pandemie vorbei ist, und ein Ende der Laufzeit ist nicht in Sicht.
Rezension in »musicals« Heft 69

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Mamma Mia! (© Joan Marcus)

Mamma Mia!  (2001)
Dieses lockere Bühnenvergnügen, ausgestattet mit Liedern, die Björn Ulvaeus und Benny Andersson, die kreativen Köpfe und männliche Hälfte der Popgruppe ABBA, in den 1980er-Jahren geschrieben hatten, erwies sich als eine angenehme Abwechslung und viel unterhaltsamer, als man es vielleicht erwartet hätte.

Autorin Catherine Johnson orientierte sich bei der Handlungsfindung am 1968 erschienenen Film ‘Buona Sera, Mrs. Campbell’ mit Gina Lollobrigida als Italienerin, deren Affären mit drei amerikanischen G.I.s am Ende des Zweiten Weltkriegs dazu führten, dass sie ein vaterloses Kind bekam. Für ‘Mamma Mia!’ wurde das Setting auf die griechischen Inseln übertragen.

Da es sich bei den Liedern um leicht verdauliche Popsongs handelte, waren sie inhaltlich nicht sonderlich anspruchsvoll und fügten sich gut in die Erzählung ein. Das Ergebnis war eine fröhliche Show, die sich selbst nie zu ernst nahm und mit ihren allseits bekannten Melodien nichts als einfach gute Unterhaltung bieten wollte. Das Musical brachte es denn auch auf beachtliche 5.765 Vorstellungen.
Rezension in »musicals« Heft 92

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Jersey Boys (© Joan Marcus)

Jersey Boys  (2005)
Als Musical hatten die ‘Jersey Boys’ den Vorteil, dass sie aus dem riesigen Song-Katalog der The Four Seasons schöpfen konnten, der so bekannte Hits wie “Sherry”, “Big girls don’t cry”, “Walk like a man”, “Candy girl”, “Let’s hang on (to what we’ve got)”, “Opus 17 (don’t you worry ‘bout me)”, “Can’t take my eyes off you”, “Fallen angel” und “Rag doll” enthielt – die meisten Lieder wurden von Bob Gaudio und Bob Crewe geschrieben.

Die gut konstruierte Handlung beschreibt detailliert die Ereignisse, die zur Gründung der Gruppe führten und wie sie über mehr als drei Jahrzehnte trotz vieler Veränderungen in der Popkultur überlebte. Anstatt diese Entwicklung aus dem Blickwinkel einer einzelnen Person zu erzählen, wie es in solchen Tribute-Musicals oft der Fall ist, kommentiert bei ‘Jersey Boys’ jeder der Charaktere die Handlung aus seiner eigenen Sicht, ohne jedoch den Aussagen der anderen zu widersprechen, was der Handlung zusätzlichen Zusammenhalt verlieh.
Rezension in »musicals« Heft 116

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In The Heights (© Joan Marcus)

In The Heights  (2008)
Das erste von Lin-Manuel Miranda geschriebene Musical ist ein Produkt des El Barrio (dem Viertel im oberen Manhattan, in dem Latinos aus Kuba, Puerto Rico und der Dominikanischen Republik unter Menschen mit ähnlichem sprachlichen und kulturellen Hintergrund Zuflucht finden). ‘In The Heights’ bot im Kern eine romantische Geschichte, die der problematischen Beziehung der Liebenden in ‘West Side Story’ nicht unähnlich ist (wenn auch mit weniger tragischen Folgen).

Es brachte eine musikalische Sprache mit, die für den Broadway neu und ungewohnt war und die das traditionelle Theater um eine zusätzliche Ausdrucksform erweiterte. Und die 1.184 Aufführungen sind ein beeindruckendes Zeugnis für den Einfluss, den es auf eine neue Generation von Theaterbesuchern hatte. Seine Originalität sowie die explosive Darstellung machten ‘In The Heights’ zu einem mitreißenden Musical.
Rezension in »musicals« Heft 130

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Priscilla, Queen Of The Desert (© Joan Marcus)

Priscilla, Queen Of The Desert  (2011)
Basierend auf dem gleichnamigen Film von 1994, in dem es um drei Drag Queens aus Sydney geht, die auf dem Weg zu einem Engagement in der abgelegenen Stadt Alice Springs in einem pinken Bus den australischen Outback durchqueren, war als Bühnenmusical ein ausgelassenes Spektakel, das zu Recht 526 Vorstellungen lang auf dem Spielplan stand.

Alles in dieser Produktion war “over-the-top”, von den leicht anrüchigen Darbietungen der drei Hauptdarsteller über die Songauswahl, die aus einer Unmenge bekannter Disco-Nummern und populärer Hits bestand, bis hin zur ausgelassenen Regie von Simon Phillips.

In einer Saison, die etwas deprimierend begonnen hatte (die meisten Shows, die zuvor eröffnet hatten, waren inzwischen schon wieder abgesetzt worden), war ‘Priscilla, Queen Of The Desert’ wie ein frischer Luftzug – ein großes, kühnes, aufregendes Technicolor-Extravaganza, knallig, unzüchtig und einfach großartig!
Rezension in »musicals« Heft 149

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The Book Of Mormon (© Joan Marcus)

The Book Of Mormon  (2011)
Konzipiert und geschrieben von Trey Parker und Matt Stone, die vor allem für ihre Arbeit an der TV-Zeichentrickserie ‘South Park’ bekannt sind, sowie Robert Lopez, der ‘Avenue Q’ mitgeschrieben und konzipiert hat, konnte ‘The Book Of Mormon’ eigentlich gar nicht enttäuschen – und so war es auch nicht verwunderlich, das die Show 2004 mit dem Tony Award für das beste Musical ausgezeichnet wurde. Die Produktion war einnehmend, temperamentvoll und hatte in seinem Buch und in seinen Liedern genug, um fast jeden im Publikum zu beleidigen: Weiße, Schwarze, Amerikaner, Ugander, Katholiken, Juden und natürlich Mormonen – und das Ganze serviert mit einem Augenzwinkern.

Schelmisch und häufig amüsant, verließ sich die Show auf ihren rüpelhaften Humor, um das Publikum zu provozieren. Seit der Eröffnung am 24. März 2011 ist sie ein Dauerbrenner und sollte erneut auf dem Broadway-Spielplan stehen, wenn die Theater wieder öffnen.
Rezension in »musicals« Heft 149

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A Gentleman's Guide To Love & Murder (© Joan Marcus)

A Gentleman's Guide To Love & Murder  (2013)
‘A Gentleman's Guide To Love & Murder’ entstand in Anlehnung an den Gilbert-&-Sullivan-Stil. Die Handlung basiert auf einem Roman von Roy Horniman aus dem Jahr 1907, ‘Israel Rank: The Autobiography Of A Criminal’, der 1949 auch die Quelle für die schwarze Alec-Guinness-Komödie ‘Kind Hearts And Coronets’ war. Mit einem Buch von Robert L. Freedman, der auch die Songtexte schrieb, erzählt das Musical den Fall von Monty Navarro, einem britischen Verbrecher, der beschuldigt wird, den Earl of D'Ysquith ermordet zu haben, ein Verbrechen, das er vehement bestreitet, begangen zu haben.

Ein Großteil des Vergnügens kam von den Darbietungen der grandiosen Besetzung, die brillant von einem wahren Verwandlungskünstler namens Jefferson Mays angeführt wurde, der alle neun Mitglieder der D'Ysquith-Familie porträtierte, von denen jedes einzelne mit einem spezifischen Charakterzug ausgestattet war.
Rezension in »musicals« Heft 165

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Aladdin (© Cylla von Tiedemann)

Aladdin  (2014)
‘Aladdin’ ist ein weiterer Disney-Blockbuster, der erfolgreich von der Leinwand auf die Bühne, von der animierten in die reale Welt übertragen wurde und einmal mehr den magischen Touch der Disney-Techniker demonstriert.

Die von Casey Nicholaw inszenierte und choreografierte Show ist ein farbenfrohes visuelles Vergnügen, mit zahlreichen Tanzeinlagen und fesselnden Actionszenen, die die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich ziehen. Aber das i-Tüpfelchen ist die fröhliche Musik von Alan Menken, Howard Ashman und Tim Rice, die aus bekannten Liedern und einigen ursprünglich für den Film geschriebenen, aber nicht verwendeten Liedern besteht. Dieses lebhafte, teuer aussehende Musical ist eine großartige physische Produktion, die ihre Laufzeit zweifellos fortsetzen wird.
Rezension in »musicals« Heft 167

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Something Rotten (© Joan Marcus)

Something Rotten  (2015)
Die Brüder Karey Kirkpatrick (Buch, Musik und Songtexte) und Wayne Kirkpatrick (Musik und Songtexte), beide Newcomer am Broadway, aber erfahren im Umgang mit Popsongs und Disney-Filmen, sowie der britische Schriftsteller und Drehbuchautor John O'Farrell waren die geistigen Väter dieses originellen Theaterstücks über zwei zweitklassige Dramatiker zu Shakespeares Zeiten, die ein Stück schreiben wollen, das den Barden von Avon beschämen wird, und sich deshalb von Nostradamus beraten lassen, der ihnen prompt vorschlägt, ein Musical zu schreiben.

Die Autoren haben die Story mit Wortspielen, Witzchen und zahlreichen Anspielungen auf frühere Theaterwerke gespickt, von ‘Hello, Dolly!’ über ‘Fiddler On The Roof’, ‘Sweet Charity’, ‘A Chorus Line’, ‘Annie’, ‘Cats’ bis hin zu ‘Les Misérables’ und vielen anderen. Shakespeare selbst wurde in goldene Lamé-Jacken gesteckt und führte sich wie ein aufgeblasener Rockstar auf. Das Sahnehäubchen waren aber die eingängigen Songs der Kirkpatricks mit Texten, die manchmal vorhersehbar waren, aber zum übermütigen Ton des Abends passten. Das fröhlich-freche Musical ‘Something Rotten!’ wurde 742 Mal aufgeführt.
Rezension in »musicals« Heft 173

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Hamilton (© Joan Marcus)

Hamilton  (2015)
‘Hamilton’, ein Blockbuster seit seiner Uraufführung im Jahr 2015, mit Buch, Musik und Texten von Lin-Manuel Miranda, zeichnet sich dadurch aus, dass es ein äußerst originelles Werk ist, das viele Barrieren durchbrach, noch bevor es den Broadway erreichte. Was das Musical so unverwechselbar macht und von anderen, traditionelleren Shows unterscheidet, ist die Tatsache, dass Miranda, inspiriert von Ron Chernows 2004 veröffentlichter Biografie ‘Alexander Hamilton’, sich dafür entschied, die Geschichte des ersten Finanzministers unter George Washington im heutigen Straßenjargon und in einer musikalischen Sprache zu erzählen, die ihre Kraft aus den Klängen bezieht, die in den am dichtesten bevölkerten Vierteln zu hören sind: Rap, Hip Hop, Boom Bap, R&B – alles Rhythmen und Reime, die am Broadway nur selten, wenn überhaupt, zu hören sind. Obwohl ikonoklastisch und historisch ungenau, schien es völlig angemessen für eine Show, die in erster Linie darauf abzielte, ihre Geschichte auf eine mitreißende Art und Weise zu erzählen.

Das Musical besetzt die historischen Persönlichkeiten, die alle weißhäutig waren, mit schwarzen, lateinamerikanischen oder asiatischen Darstellern – eine weitere Neuerung, die es als bahnbrechend erscheinen ließ. Ob ‘Hamilton’ langfristig die gleiche Wirkung wie ‘Oklahoma!’, ‘Company’ oder ‘Hair’ haben wird, die alle in ihrer jeweiligen Zeit das Musical-Genre entscheidend beeinflussten, bleibt abzuwarten. Aber eines ist jetzt schon sicher - es ist anders, unorthodox und es spricht ein breites Publikum an.
Rezension in »musicals« Heft 175

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Waitress (© Joan Marcus)

Waitress  (2016)
In einer Spielzeit, die bis dahin nicht sonderlich aufregend war, bot ‘Waitress’ eine willkommene Abwechslung. Basierend auf dem 2007 von Adrienne Shelly geschriebenen und inszenierten Film, mit eingängigen Songs von Sarah Bareilles, machte die Produktion auf den ersten Blick nicht den Eindruck, als könnte sie ein Hit werden, aber sie ist seit ihrer Premiere am 24. April 2016 ein Publikumsliebling geblieben und lief noch, als die Corona-Epidemie zuschlug. Vermutlich wird sie wieder geöffnet, wenn sich der Vorhang am Broadway wieder hebt.
Rezension in »musicals« Heft 179

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Come From Away (© Matthew Murphy)

Come From Away  (2017)
Als überraschender Tony-Preisträger war ‘Come From Away’ ein fesselnder kanadischer Import, geschrieben (Buch, Musik und Texte) vom Ehepaar Irene Sankoff und David Hein. Aufgrund der Anschläge am 11. September 2001 durften internationale Flüge nicht in den USA landen und viele wurden in eine kleine Gemeinde in Neufundland (Kanada) umgeleitet, die mit den vielen gestrandeten ausländischen Passagiere völlig überfordert war.

Mit einer Partitur, die eine eingängige Sammlung von Liedern in volkstümlichem Stil enthielt, war das Musical ein Tribut an die Menschlichkeit und das Verständnis zwischen Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund – ansprechend umgesetzt für ein breites Theaterpublikum. Auch diese Produktion dürfte nach der Wiedereröffnung des Broadways weiterlaufen.
Rezension in »musicals« Heft 185

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The Band's Visit (© Matthew Murphy)

The Band's Visit  (2017)
Basierend auf einem wenig bekannten israelischen Film aus dem Jahr 2007 unter der Regie von Eran Kolirin berichtete ‘The Band's Visit’ über die Missgeschicke einer ägyptischen Musikgruppe auf einer Goodwill-Tournee, die aufgrund eines Schreibfehlers über Nacht in einem abgelegenen israelischen Dorf gestrandet war.

Mit einem sensationellen Score von David Yazbek und herausragenden Starbesetzung angeführt von Tony Shalhoub (der den Fernsehfans vor allem für seine Darstellung des unbeholfenen Detektivs Adrian Monk bekannt ist), war der Einakter ‘The Band's Visit’ ein weiteres Wohlfühlmusical nach dem Vorbild von ‘Come From Away’, in dem menschliche Beziehungen mehr zählen als Vorurteile, um zu zeigen, dass alle Menschen unabhängig von ihrem religiösen oder politischen Hintergrund gleich geschaffen sind. Es warf ernste Fragen auf, aber es wurde auf so humorvolle Weise präsentiert, dass es als unterhaltsames Mini-Musical endete.
Rezension in »musicals« Heft 188

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SpongeBob SquarePants (© Joan Marcus)

SpongeBob SquarePants  (2017)
Ein brillantes, aber bedauerlicherweise nur kurzlebiges Musical, das es schaffte, eine Brücke zwischen der Bühne und seiner ursprünglichen Quelle, einer TV-Show für Kinder, zu schlagen – keine leichte Aufgabe. Klug konzipiert und inszeniert, griff das Musical den verrückten Geist der Fernsehserie auf und präsentierte ihre bekanntesten Charaktere, wobei die Darsteller sie direkt und ohne Artefakte spielten, was sie um so lustiger machte.

Die Partitur bestand aus Liedern, die für diesen Anlass von einigen der bekanntesten Namen der heutigen Musikindustrie geschrieben wurden: David Bowie, Cyndi Lauper, Sarah Bareilles, John Legend, Lady Antebellum, Yolanda Adams, The Flaming Lips, They Might Be Giants sowie Steven Tyler und Joe Perry von Aerosmith, um nur einige zu nennen. Das Ergebnis überzeugte auf ganzer Linie und trotz der vielen Komponisten klang die Partitur einheitlich und wie aus einem Guss.
Rezension in »musicals« Heft 189

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Head Over Heels (© Joan Marcus)

Head Over Heels  (2018)
Ein Musical für die LGBT-Generation, inspiriert von einer Pastoralromanze aus dem 16. Jahrhundert, ‘The Countess Of Pembroke's Arcadia’, geschrieben von einem prominenten elisabethanischen Dichter, Sir Philip Sidney, die 1640 von James Shirley als Bühnenstück adaptiert und nun von zwei zeitgenössischen Autoren, James Magruder und Jeff Whitty, zum Buch ihres Musicals ‘Head Over Heels’ gemacht worden war.

Lüstern und schlüpfrig wie ein Theaterstück der Renaissance, dazu komisch und unterhaltsam, blieb ‘Head Over Heels’ seinen Quellen treu, mit Dialogen, Tiraden und Schlagfertigkeiten in “ye olde” Englisch, die aber dennoch leicht zu verstehen waren. Die Geschichte eines Königs, der versucht, vier bösen Vorzeichen zu entkommen, die seiner Herrschaft ein Ende bereiten werden, und der mit seiner Frau, ihren beiden Töchtern, einem Vizekönig, der Tochter des Vizekönigs und einem einsamen Schäfer, der in die jüngste der Königstöchter verliebt ist, flieht, offenbart mit seinen sexuellen Anspielungen und dem durchgehend zur Schau gestellten Cross-Dressing eine liberale Haltung, die erfrischend ist. Die verschiedenen Musiknummern entstammten dem Songkatalog von The Go-Go's, einer temperamentvollen weiblichen Rockband, die in Kalifornien in den frühen 1980er-Jahren die Pop-Charts stürmte. Überraschenderweise war das Ergebnis ausgesprochen erfreulich.
Rezension in »musicals« Heft 193

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The Prom (© Deen van Meer)

The Prom  (2018)
‘The Prom’, geschrieben von Bob Martin und Chad Beguelin nach einem Originalkonzept von Jack Viertel, lebte nicht zuletzt von den großartigen Songs von Matthew Sklar (Musik) und Herrn Beguelin (Songtexte).

Die Handlung erzählte die Missgeschicke von vier unfähigen Schauspielern, die arbeitslos wurden, weil die letzte Show, in der sie auftraten, so schlechte Kritiken erhielt, dass sie noch am Eröffnungstag geschlossen wurde. Sie beschließen, sich für eine gute Sache einzusetzen und ein junges lesbisches Mädchen in einer kleinen Gemeinde zu retten, das sich online beschwerte, dass sie nicht mit ihrer Freundin am Abschlussball am Schuljahresende teilnehmen konnte, weil ihre Mutter, die Organisatorin der Veranstaltung, strenge Regeln aufgestellt hatte, die “junge Damen mit freizügigen Kleidern und gleichgeschlechtliche Paare” ausschlossen”.

‘The Prom’ war sowohl eine Feier der Homosexualität als auch eine wahnsinnige Bestätigung der Individualität. Es war eine wilde Tollerei, bei der die vier erbärmlichen Schauspieler alle falschen Knöpfe drückten, aber am Ende doch noch erfolgreich waren. Da sie während des gesamten Abends auf ihre herbe Art Theaterpersönlichkeiten und andere Broadway-Musicals augenzwinkernden aufs Korn nehmen konnten, war die Show urkomisch – und so brachte sie es auf immerhin 905 Vorstellungen.
Rezension in »musicals« Heft 194

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Ain't Too Proud (© Matthew Murphy)

Ain't Too Proud  (2019)
Das Jukebox-Musical ‘Ain't Too Proud – The Life And Times Of The Temptations’ lief noch, als das Coronavirus den Broadway traf. Das Buch von Dominique Morisseau, das auf den Memoiren von Otis Williams aus dem Jahr 1988 basiert und bis zu einem gewissen Grad wahrheitsgetreu und ehrlich klingt, geht auf alle wichtigen Stationen des Erfolgsweges von The Temptations ein, von ihrem bescheidenen Debüt in Detroit bis hin zur “Nummer Eins in der Geschichte des Rhythm and Blues” und beschreibt sowohl die Höhen als auch die Tiefen ihrer Karriere, manchmal auch mit drastischer Sprache, um einen Hauch von Authentizität zu vermitteln.

Was die Lieder betrifft, so ist das Repertoire der Gruppe bekannt und attraktiv genug, um das Publikum auf den Beinen zu halten, vor allem, wenn die Darbietungen, wie es der Fall war, sehr theaterwirksam präsentiert werden.
Rezension in »musicals« Heft 197

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UNVERGESSLICHE REVIVALS

Chicago (© Dan Chevkin)

Chicago  (1996)
Während das 1977 eröffnete Original mit 936 Vorstellungen nur eine relativ bescheidene Laufzeit erreichte, läuft das Revival nun schon seit dem 14. November 1996 ununterbrochen am Broadway, und ist damit das am längsten am Broadway spielende Revival aller Zeiten. Die reduzierte Bühnenpräsentation von Walter Bobbie (Regie) und Ann Reinking (Choreografie “im Stil von Bob Fosse”) erleichtert es bekannten Namen aus den unterschiedlichsten Bereichen des Showbusiness, für eine begrenzte Zeit eine Gastrolle in der Show zu übernehmen. Obwohl durch das Coronavirus geschlossen, ist seine Wiedereröffnung nach Überwindung der Krise garantiert.
Rezension in »musicals« Heft 63

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Cabaret (© Joan Marcus)

Cabaret  (1998)
Im Gegensatz zur ursprünglichen Hochglanz-Fassung unter der Regie von Harold Prince mit Joel Grey, Lotte Lenya und Jill Haworth in den Hauptrollen oder der Verfilmung unter der Regie von Bob Fosse, in der Liza Minnelli mit der Sally Bowles die Rolle ihres Lebens spielte, betonte diese überarbeitete Bühnenfassung unter der Regie von Sam Mendes die düster-schäbigen Aspekte des Werkes.

Ein großer Teil des Erfolgs beruhte allerdings auf der fesselnden Darbietung von Alan Cumming, der sein Broadway-Debüt in einer Neuauflage der Rolle gab, die er 1993 in London erschaffen hatte, und der als abfälliger, dekadenter androgyner Emcee in einer Weise faszinierte, die nicht einmal Grey je hätte erreichen können. Die Produktion eröffnete am 19. März 1998 und war insgesamt 2.377 mal zu sehen.
Rezension in »musicals« Heft 71

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42nd Street (© Joan Marcus)

42nd Street  (2001)
Unter der klugen Regie von Mark Bramble und mit der Choreografie von Randy Skinner wurde die ursprüngliche Inszenierung des verstorbenen Gower-Champions von 1980 nachgestellt. Diese Wiederaufnahme von ‘42nd Street’, die am 2. Mai 2001 eröffnet wurde, war so aufregend, wie man es sich für ein Broadway-Musical nur wünschen kann. Obwohl es seine Probleme hatte, trugen das hart arbeitende Ensemble aus hoch motivierten jungen Leuten und der glitzernde Look, den es von Douglas W. Schmidt, Roger Kirk und Paul Gallo (Bühnenbild, Kostüme und Beleuchtung) erhalten hatte, dazu bei, dass es eine wunderbare Show wurde, die das Publikum in über 1.524 Vorstellungen genoss.
Rezension in »musicals« Heft 90

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Hair (© Joan Marcus)

Hair  (2009)
Die kreativen Köpfe hinter diesem Revival, das am 31. März 2009 eröffnet wurde, verzichteten größtenteils auf eine Aktualisierung des ursprünglichen Konzepts und präsentierten die Show so, wie es von James Rado und Gerome Ragni, ihren Schöpfern, beabsichtigt war, einschließlich der obligatorischen Nacktszene, die jedoch nicht mehr den Schock und die Neugierde hervorrief, der sie einst zu einem Theaterskandal gemacht hatte.

Stattdessen schufen Regisseurin Diane Paulus und ihre Mitarbeiter, darunter die Choreografin Karole Armitage, ein Revival, das Jugendlichkeit und Aufregung ausstrahlte, was primär dem sympathischen, überschwänglichen Ensemble zu verdanken war. Die von Michael McDonald in farbenfrohe Kostüme gekleideten jungen Darsteller bewegten sich nicht nur auf der Bühne, sondern bespielten auch den Zuschauerraum und bezogen das Publikum ins Geschehen mit ein. Dies verlieh der Show eine Spontaneität und freie Happening-Form, nicht unähnlich dem, was Tom O'Horgan in den 1960er-Jahren mit dem Musical in seiner ursprünglichen Broadway-Produktion gemacht hatte.
Rezension in »musicals« Heft 137

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Anything Goes (© Joan Marcus)

Anything Goes  (2011)
Kathleen Marshall stand auch an der Spitze dieses Cole-Porter-Revivals, mit einer überschwänglichen Sutton Foster in der Hauptrolle, einer der besten Musical-Darstellerinnen der jüngsten Vergangenheit. Als unbezähmbare Reno Sweeney tat sie das, was sie am besten kann: Schauspielern, singen, steppen und die ganze Zeit über ihr strahlendes, charakteristisches Lächeln und ihre einnehmende Persönlichkeit zeigen. Marshalls spritzige Regie und Choreografie bildeten das Sahnehäubchen – Cole Porter hätte es geliebt!
Rezension in »musicals« Heft 149

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Nice Work If You Can Get It (© Joan Marcus)

Nice Work If You Can Get It  (2012)
Bei Shows mit Musik aus den unerschöpflichen Partituren von George und Ira Gershwin kann man eigentlich nichts falsch machen: ‘Nice Work …’, das am 24. April 2012 eröffnete, war reine Unterhaltung um seiner selbst willen, ein unbedeutendes Musical, das locker um ein ebenso fadenscheiniges wie unrealistisches Buch von Joe DiPietro (Autor von ‘Memphis’) gebaut war. Der bediente sich großzügig an Ideen aus ‘Oh, Kay!’ von Guy Bolton und P.G. Wodehouse, zwei häufigen Mitarbeitern der Gershwins, und Liedern, die zum größten Teil im kollektiven Gedächtnis vieler Theaterliebhaber verankert sind, wie “Someone to watch over me”, “Let's call the whole thing off”, “Do it again” oder “Lady be good”.

An der unsinnigen Geschichte waren drei Schmuggler beteiligt (natürlich spielte die Handlung in den 1930er-Jahren, als die Prohibition den amerikanischen Kontinent ausgetrocknet hatte), ein wohlhabender Playboy, Jimmy Winter, seine zukünftige Ehefrau (die vierte), ihre Verwandten und verschiedene andere Personen. Das Buch war gespickt mit schlagfertigen Wortspielen, zweideutigen Anspielungen, Double-Takes und anderen aus der Burleske entlehnten Mitteln.

Kathleen Marshalls einfallsreiche (und manchmal urkomisch verrückte) Regie und Choreografie sorgten den ganzen Abend über für ausgelassene Stimmung, wobei die Handlung durch mehrere Ballette unterbrochen wurde, die exquisit getimt waren, auch wenn sie keinen anderen Grund hatten, als dem Publikum ein paar atemberaubende Stepptanz-Nummern zu bieten.
Rezension in »musicals« Heft 155

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On The Town (© Joan Marcus)

On The Town  (2014)
Im Laufe der Jahre wurde dieses wichtige Werk mehrmals wiederbelebt (1971 und 1998), aber keines dieser Revivals strahlte eine derart überbordende jugendliche Unbekümmertheit aus wie diese neue Produktion.

Vielleicht lag das daran, dass zu keinem Moment versucht wurde, das ursprüngliche Konzept zu manipulieren oder die Geschichte von den drei Matrosen, die 1944 vor ihrer Verschiffung an die Kriegsfront im Pazifik einen Tagesurlaub in New York machten, zu aktualisieren. Infolgedessen behielt das Buch – vollgepackt mit einer ernsthaften Dosis lustiger Begebenheiten, humorvoller Charaktere und spritziger Einzeiler – die Frische und Spontaneität bei, die sich seine ursprünglichen Schöpfer (Leonard Bernstein, Betty Comden, Adolph Green und Jerome Robbins) vorgestellt hatten. Während die Situationen, in die die drei Matrosen gerieten, manchmal etwas unrealistisch erschienen, sorgten die verrückte Toxizität der Handlung und die oftmals verrückten Charaktere, denen sie begegneten, für den nötigen Schwung, der von diesem geglückten Revival perfekt eingefangen wurde.
Rezension in »musicals« Heft 170

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UNVERGESSLICHE DARBIETUNGEN

Nathan Lane in Guys And Dolls (© Martha Swope) und Funny Thing… (© Joan Marcus)

Nathan Lane
Nathan Lane ist ein geliebter Name am Broadway. Er ist in mehreren Musicals aufgetreten (u.a. in ‘The Producers’, ‘The Frogs’ und ‘The Addams Family’), aber am besten in Erinnerung geblieben ist er für seine Darstellung des Nathan Detroit im Revival von ‘Guys And Dolls’ (1992) und als Pseudolus im Revival von ‘A Funny Thing Happened On The Way To The Forum’ (1996).

In beiden Fällen bot er nicht nur eine beeindruckende Leistung, sondern fügte im Vergleich zu den Darstellern, die die Rollen in den Originalproduktionen geschaffen hatten – Sam Levene in ‘Guys And Dolls’ und Zero Mostel in ‘A Funny Thing’ – gleichzeitig eine Dosis Persönlichkeit hinzu, die ihn als großartigen Musical-Comedy-Entertainer auszeichnete. Indem er sich beide Revivals zu eigen machte und ihnen seinen unverkennbaren Stempel aufdrückte, werden es zukünftige Darsteller schwer haben, wenn sie versuchen, in seine Fußstapfen zu treten.
Rezension in »musicals« Heft 35 (‘Guys And Dolls’)
Rezension in »musicals« Heft 59 (‘Funny Thing…’)

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Kelli O'Hara in South Pacific (© Joan Marcus)

Kelli O'Hara
Obwohl ein Klassiker unter allen Klassikern, erlebte ‘South Pacific’, das Musical von Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II aus dem Jahr 1949, nur 1968 ein kurzes Revival mit Florence Henderson in der Hauptrolle als Nellie Forbush. Es bedurfte erst Kelli O'Hara, die das letzte Revival von 2008 so denkwürdig machte, dass diese Neuproduktion über alles hinausging, was zuvor mit der Show gemacht worden war.

Zuvor bewundert in einem brillanten Revival von ‘The Pajama Game’ an der Seite von Harry Connick, Jr., schlüpfte Kelli O'Hara in eine Rolle, die auch nach vielen Jahren immer noch untrennbar mit dem Namen Mary Martin verbunden war, und machte sich diese zu eigen, als wäre sie speziell für sie geschrieben worden. Um es zusammenzufassen: Sie war perfekt!
Rezension in »musicals« Heft 131

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Patina Miller in Pippin (© Joan Marcus)

Patina Miller
Regisseurin Diane Paulus hatte 2013 mit dem Revival von ‘Pippin’ einen großen Wurf gelandet. Sie vermischte geschickt die Saga des mutmaßlichen Thronfolgers Karls des Großen, wie sie von Buchautor Roger O. Hirson beschrieben wird, mit Zirkusnummern, die von Mitgliedern der in Montreal ansässigen Gruppe “Les 7 Doigts de la Main” aufgeführt wurden. Ihre Arbeit an der Show hat die Messlatte für hervorragende Musical-Inszenierungen definitiv höher gelegt.

Ein Großteil des Erfolges verdankte die Aufführung aber auch der Präsenz von Patina Miller in der Hauptrolle, einer temperamentvollen Darstellerin, die drei Jahre zuvor in ‘Sister Act’ für Furore gesorgt hatte. Als unermüdlich engagierter Leading Player begleitete sie das Publikum mit einer entzückenden Mischung aus Komplizenschaft und Augenzwinkern durch das Geschehen, war einfach wunderbar und nutzte jede Gelegenheit, um ihre vielen Talente in einer vielseitigen Darbietung unter Beweis zu stellen, die ihr zu Recht einen Tony Award einbrachte.
Rezension in »musicals« Heft 161

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Cynthia Erivo / Jennifer Hudson in Color Purple (© Matthew Murphy)

Cynthia Erivo / Jennifer Hudson
Als ‘The Color Purple’ 2005 zum ersten Mal an den Broadway kam, war es eher eine Hochglanz-Produktion, die versuchte, die knappe Erzählung aus Alice Walkers Originalroman und dem nachfolgenden Film, den Steven Spielberg daraus gemacht hatte, in Musiktheaterform zum Leben zu erwecken. Zehn Jahre später stand die Show wieder auf dem Broadway-Spielplan, jetzt aber in einer abgespeckten Version, die durch ihre schlichte Einfachheit auffiel und dem Buch von Marsha Norman sowie den einzelnen Charakteren mehr Gewicht verlieh.

Im Mittelpunkt dieser Produktion standen zwei unglaubliche Darstellerinnen, Cynthia Erivo, deren glühende Darstellung als Celie die Essenz der Figur einfing, und Jennifer Hudson, eine ehemalige ‘American Idol’-Kandidatin und Oscar-Preisträgerin (für ‘Dreamgirls’), die ihr Broadway-Debüt als Shug Avery gab und Glanz und Glamour in ein ansonsten mürrisches und düsteres Musikdrama brachte.
Rezension in »musicals« Heft 178

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Adrienne Warren in Tina (© Manuel Harlan)

Adrienne Warren
Die verschiedenen Jukebox-Musicals, die in den letzten Jahren den Broadway erobert haben (‘The Cher Show’, ‘Summer – The Donna Summer Musical’), waren primär abgedroschene, banale Hommagen an den früheren Ruhm eines Popstars. Eine Ausnahme war ‘Tina - The Tina Turner Musical’ mit Adrienne Warren in der Titelrolle, deren außergewöhnliche Bühnenpräsenz dem Menschen und der Sängerin Tina Turner absolute Glaubwürdigkeit verlieh. Wie alle anderen Produktionen, die zuletzt in der vergangenen Spielzeit am Broadway zu sehen waren, wurde das Musical aufgrund des Coronavirus unterbrochen. Es ist zu hoffen, dass es zurückkehrt und Adrienne Warren mit ihm, wenn die Aktivitäten im Theaterbezirk wieder aufgenommen werden, und dass sie einen wohlverdienten Tony für ihre Leistung gewinnen wird.
Rezension in »musicals« Heft 200

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ÜBER DEN AUTOR:

Didier C. Deutsch (© Didier C. Deutsch)

Didier C. Deutsch  
Der gebürtige Franzose Didier C. Deutsch begann 1962 nach seiner Ankunft in New York für diverse lokale Zeitungen und Zeitschriften über die Broadway-Szene zu berichten. Nach verschiedenen Stationen im Journalismus und in der Öffentlichkeitsarbeit wurde er 1972 Publicity Director von CTI Records, dem von Produzent Creed Taylor gegründeten unabhängigen Jazzlabel, bevor er zu anderen Labels wie Atlantic, RCA Victor und Warner Bros. wechselte. 1986 kam er als unabhängiger Re-Issue-Produzent zum Stab von Columbia/Legacy und spezialisierte sich auf das digitale Remastern von Original-Cast-Alben, Soundtracks, Pop- und Jazzaufnahmen. Seit 1991 ist er Theaterkritiker für »musicals – Das Musicalmagazin«. Er ist Autor mehrerer Bücher über Musik, darunter ‘CTI: The Little Label That Changed Jazz’ sowie ‘Broadway: La Comédie Musicale Américaine’, das in Frankreich bei Castor-Astral erschienen ist.

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